Nationalatlanten – eine Einführung

Wie hat sich der Typus Nationalatlas über die Zeit entwickelt?

Als erster Nationalatlas gilt der 1899 herausgekommene Atlas von Finnland (Atlas de Finlande), der lange vor der Unabhängigkeit Finnlands von Russland erschien, jedoch die Eigenständigkeit, die territoriale Ausdehnung und die Tradition als Nation dokumentieren wollte. Als zweiter ist 1906 der Atlas of Canada erschienen, der ebenfalls als politische Demonstration des Selbstbewusstseinseins eines jungen Staates zu interpretieren war. Beide Atlanten wurden bereits wenige Jahre später zweiten erweiterten Auflagen herausgebracht.

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Nationalatlanten (o.r. der Atlas Finnlands)

Mit der Konjunktur von Staatenbildung, Imperialismus und Nationalismus erschienen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Reihe von europäischen Nationalatlanten, einige Werke von neu entstandenen europäischen Staaten sowie die ersten Nationalatlanten von nicht-europäischen Kolonien, die von den jeweiligen Kolonialmächten herausgegeben wurden. Es handelte sich meist um großformatige, voluminöse einbändige Kartenwerke, die mit aufwändiger Kartographie und sehr detaillierten Karten über die verschiedenen Dimensionen der Landesnatur, der Ressourcen, der Landwirtschaft und der Bevölkerung informierten.

Die ersten 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg brachten eine große Zahl von Nationalatlanten hervor, die zum einen das Wiedererstehen der europäischen Nationen dokumentierten, zum zweiten die große Welle von Unabhängigkeitserklärungen von ehemaligen Kolonialstaaten begleiteten. Dabei erstreckte sich die Herausgabe einiger Werke, die als Loseblattsammlungen oder Lieferungen entstanden, bis auf 20 Jahre.

1960 stellte die Commission on National Atlasses der Internationalen Geographenunion unter Vorsitz von K.A. Salitschew einen Katalog zusammen, dem Nationalatlanten zu genügen hätten. Damit wollte man die Erstellung von Nationalatlanten fördern und gleichzeitig auf die Vergleichbarkeit der in ihnen enthaltenen Karten hin arbeiten. Die wichtigsten der von der Kommission zusammengestellten Anforderungen waren (nach WITSCHEL 1997):

  • Die Atlanten sollen wissenschaftlich hochwertige Karten zu den fünf Hauptabschnitten Natur, Bevölkerung, Wirtschaft, Kultur und Politik mit vielseitigem und vollständigem Inhalt umfassen;
  • die Karten sollen einheitlich und vergleichbar sein und sich ergänzen;
  • die Atlanten sollen auf die Praxis ausgerichtet sein;
  • die Lesbarkeit für den allgemein gebildeten Menschen soll gewährleistet sein;
  • die Atlanten sollen ein handliches Format von maximal 40-50 x 60-70 cm im aufgeschlagenen Zustand nicht übersteigen;
  • zur besseren Vergleichbarkeit der einzelnen Karten sollte ein genormtes Maßstabssystem innerhalb eines Atlasses angewandt werden;
  • jede Karte sollte optimalerweise von einem vollständigen Text einschließlich eventuell erforderlicher Grafiken begleitet werden.

In den Folgejahren differenzierten sich die Atlaswerke weltweit weiter aus; neben den Loseblattsammlungen entstanden erste mehrbändige Werke, das Format sank ständig, die Themenschwerpunkte variierten zunehmend. Die sozialistischen Staaten taten sich durch besonders detailliert und komplex ausgearbeitete Kartenwerke hervor und wurden zu den Trendsettern in der Atlaskartographie.
In dieser Tradition erschien auch 1981 der „Atlas der DDR“, der am Institut für Geographie und Geoökologie der Akademie der Wissenschaften in Leipzig in langjähriger Detailarbeit erstellt worden war. Das noch sehr große, schwergewichtige Werk beeindruckt durch hochkomplexe Karten, die – zum Preis einer komplizierten Lesbarkeit – eine solche Fülle von Informationen transportieren, wie sie sonst an kaum einer Quelle der DDR publiziert wurden und die noch heute eine wichtige Informationsquelle über den Ostteil Deutschlands bilden. Das Institut wird als Vorgänger des Instituts für Länderkunde angesehen, das seit 1997 den Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland herausgibt.

Funktionen von Nationalatlanten

Nationalatlanten konventioneller und moderner Art erfüllen folgende Funktionen:

  • Planungs- und Entscheidungsfunktion auf Basis von Informationen über die Raumstruktur und die wichtigsten funktionalen Beziehungen, über Konfliktsituationen, Trends und Prognosen;
  • Bildungsfunktion durch die Darstellung von sich wechselseitig beeinflussenden Faktoren von geographischen Sachverhalten und eine didaktische Aufbereitung der Informationen über die Zusammenhänge;
  • Forschungsfunktion, wenn die dargestellten Informationen und Daten als Arbeitsgrundlage innerhalb der geowissenschaftlichen Disziplinen einsetzbar sind und neue “Erkenntnisse über spezifische georäumliche Verbreitungsmuster und Ordnungsgefüge”(BENEDICT 1986, S. 46) daraus gewonnen werden können;
  • Repräsentationsfunktion, da sie bei einer breiten Öffentlichkeit zu einem besseren Verständnis der natürlichen, ökonomischen, sozialen und politischen Situation eines Staatsgebietes beitragen (nach Zentralausschuss für deutsche Landeskunde e.V. 1993, S. 4).

Die modernen Nationalatlanten

Seit den 1980er Jahren ist eine neue Generation von Nationalatlanten entstanden, die die Anregungen der IGU-Comission unter Salitschew aufgriffen und im Sinne der modernen Publikationsmöglichkeiten und Medien weiterentwickelten. Dazu gehörte eine zügige Erscheinungsweise von kleinformatigen, aber mehrbändigen Atlanten mit erhöhtem Text-, Abbildungs- und Bildanteil, eine Ausrichtung auf Allgemeinverständlichkeit und eine thematische Verstärkung aktueller Themen.
Gegenüber den traditionellen zeichnen sich diese jüngeren modernen Nationalatlanten dadurch aus, dass sie neue sektorale Schwerpunkte setzen, häufig den Maßstab wechseln und die Aussagen zunehmend mit Graphiken, Fotos und Texten vertiefen. Zu den konzeptionell modernen Atlanten zählen die seit Ende der 1970er Jahre entstandenen Nationalatlanten von Kanada (5. Auflage), Japan, Finnland (6. Auflage), Norwegen, Polen, Spanien und Italien.

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Nationalatlas Kanada

Der seit den 1989 in Lieferungen erscheinende ungarische Nationalatlas (Magyarország Nemzeti Atlasza, National Atlas of Hungary) steht nicht nur stellvertretend für die Tradition der hohen kartographischen Qualität mittel- und osteuropäischer Atlanten, sondern stellt außerdem ein ungewöhnliches Vorgehen in der Finanzierung dar. Die einzeln gelieferten Atlasblätter erscheinen mit Vermerken über die jeweiligen Sponsoren.

Als benutzerorientiert, wissenschaftlich fundiert, aber populär aufgemachte Beispiele sind besonders die Nationalatlanten von Schweden (17 Bände) und den Niederlanden (20 Hefte) hervorzuheben.

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Elektronische Nationalatlanten

Seit den 1990er Jahren gibt es verstärkte Bemühungen, Nationalatlanten auch für das elektronische Medium online wie auch offline zu erstellen. Elektronische Atlanten lassen sich nach verschiedenen Kriterien unterscheiden. Ein Kriterium bezieht sich darauf, ob die Karten raster- oder vektororientiert sind, ein anderes geht von der Funktionalität der Atlanten aus. Bei der Funktionalität lassen sich drei Grundtypen unterscheiden (ORMELING 1994, S.225):

  • view-only-Atlanten
  • interaktive Atlanten und
  • Analyse-Atlanten

View-only-Atlanten lassen nur bestimmte Interaktionen („clickable image“, Suchfunktion) der Nutzer zu und beruhen auf vorgefertigten unveränderbaren, meist rasterorientierten Karten und Abbildungen sowie anderen multimedialen Elementen (Ton, Video). Bei den interaktiven Atlanten, meist vektororientiert, lassen sich zumindest die Darstellungsfarben und die Klassifikation der dargestellten Sachverhalte ändern, wobei die Veränderung der Klassifikation schon einer einfachen Analyse gleichkommt. Die Analyse-Atlanten schließlich lassen die Visualisierung und Auswertung beliebiger Kombinationen von Sachdaten zu, was sie eher zu den Informationssystemen zählen lässt als zu den Atlanten.

Bei der Entwicklung eines benutzerfreundlichen elektronischen Nationalatlasses, der möglichst viele Merkmale der drei aufgeführten Typen verbinden sollte, wurden besonders wichtige Fortschritte durch ein groß angelegtes Forschungsprojekt in der Schweiz erreicht, die im Jahr 2000 einen elektronischen Nationalatlas der Schweiz auf den Markt brachte. Gleichzeitig sind Bemühungen Kanadas als bahnbrechend zu werten, das einen interaktiven Online-Atlas im Internet zur Verfügung stellt, ein Nutzerservice, der allerdings nur in den Ländern angeboten werden kann, in denen die Daten der amtlichen Statistik als „public domain“ nicht durch spezielle Rechte geschützt sind. Bei den offline-Atlanten hat auch die Ukraine als erster der aus der ehemaligen Sowjetunion herausgelösten Staaten einen eigenen elektronischen Atlas herausgebracht.

Literatur

BENEDICT, E. (1986) Nationalatlas und geographische Informationssysteme – Gedanken zur Weiterentwicklung der Konzeption Nationalatlas. In: AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN DER DDR (HRSG.): Ergebnisse und Perspektiven geographischer und kartographischer Forschungen. Sitzungsberichte H. 11, Berlin S. 42-62.

HELMFRIED, S. (1996): Nationalatlanten in den Nordischen Ländern. In: Kartographische Nachrichten 46, H. 1, S. 1-5.

JAATINEN, S. (1993): Regional, National and International Atlases – Towards an Integrated System. In: Proceedings of the 16th International Cartographic Conference. Köln 3.-9.5.1993, Vol. 1, S. 585-593. ORMELING, F. (1994): Neue Formen, Konzepte und Strukturen von Nationalatlanten. In: Kartographische Nachrichten 44, H. 6, S. 219-226.

SALITSCHEW, K. (1960): Nationalatlanten – Vorschläge zu ihrer Vervollkommnung. In: Petermanns Geographische Mitteilungen 104, H. 1, S. 77-88. SIEBER, R. UND BÄR, H. R. (1996): Das Projekt “Interaktiver Multimediaatlas der Schweiz”; vorgestellt beim Kartographie-Kongress in Interlaken 1996; als Datei unter: http://www.atlasofswitzerland.ch/pdf/KKI_1996_SieberBaer.pdf

WITSCHEL, CH. (1998): Nationalatlanten – Entwicklung, Konzeption, Gestaltung, Funktion. Köln

WITSCHEL, CH. (2000): Nationalatlanten – Entwicklungsgeschichte und Ausblick. In: Kartographische Nachrichten 50, Heft 6, S. 274-281.

ZENTRALAUSSCHUSS FÜR DEUTSCHE LANDESKUNDE E.V. (1991): Atlas der deutschen Länder. Trier. (Manuskr.)